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Eine große Liebe im Schatten der Demenz

Von Özlem Yılmazer

Felicitas und Bruno Wadenpohl waren ein geselliges Ehepaar, das 50 Jahre lang immer alles zusammen machte. Ihr gemeinsames Leben veränderte sich zunehmend mit der Erkrankung des Mannes an Demenz: Bruno verlor sein Wesen und Felicitas gab sich in der Sorge um ihn fast selbst auf. Ein wichtiger Kraftanker wurde das Haus Ahorn im Dorotheenviertel Hilden, in dem Bruno Wadenpohl bis zu seinem letzten Tag geschützt, aber selbstbestimmt lebte.

Felicitas Wadenpohl vor einem Portrait ihres Mannes, Bruno

Es war eine Karnevalssitzung im Jahr 1964, auf der Felicitas Wadenpohl ihren Mann Bruno kennenlernte. »Da hat es sofort gefunkt«, erzählt die heute 81-Jährige, die damals als Kindergärtnerin aus Bayern kam und seither in Monheim am Rhein lebt. Mehr als ein halbes Jahrhundert waren Bruno und Felicitas verheiratet, sie bekamen zwei Kinder. Sie waren »Feiermenschen«, wie sie sagt. Die goldene Hochzeit feierten sie zusammen mit Mitgliedern der beiden Chöre, denen sie angehörten, sowie Freunden und Bekannten. Sie reisten gerne, unternahmen viel und mochten es gesellig: »Wir waren total verrückt nach Karneval«, erzählt Felicitas Wadenpohl rund ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes Bruno.

Die letzten Jahre vor seinem Tod waren ein großer Einschnitt in dieses erfüllte Leben, sie waren keine einfachen Jahre für Felicitas und ihre Kinder, ebenso für Bruno Wadenpohl. Er erkrankte an Demenz. Das machte sich erst schleichend bemerkbar, vermutlich aufgrund von diversen Schlaganfällen, wie Felicitas Wadenpohl annimmt. »Man merkt es erst überhaupt nicht.« Irgendwann sei er ausfallend geworden, wenn ihm etwas nicht passte. »Da haben wir oft Krach gehabt, weil ich mir das nicht habe bieten lassen«, sagt die gebürtige Memmingerin über die Anfangszeit.

»DIE SEELE IST VERLOREN GEGANGEN«

2012 hatte Bruno Wadenpohl einen Schlaganfall. In dem Jahr verreiste das Paar nach Portugal und er wurde »richtig ausfallend«, erzählt Felicitas Wadenpohl. 2013 erlitt er den nächsten Schlaganfall. Drei Jahre ging es gut, zwischendurch aber gab es immer wieder Entgleisungen. 2016 folgte ein weiterer Schlaganfall. »Da ging es dann richtig bergab mit meinem Mann«, sagt Felicitas Wadenpohl mit trauriger Stimme. Er habe nicht mehr lachen können, habe keinen Witz mehr verstanden. »Wie soll man sagen? Er ist leer geworden. Die Seele ist verloren gegangen. Das konnte man immer mehr sehen.«

Die Diagnose Demenz erhält die Familie recht spät. Erst die Überweisung des Hausarztes an einen Neurologen brachte Klarheit, wie Felicitas Wadenpohl berichtet: »›Ihr Mann hat doch schon lange Demenz‹, sagte der Neurologe. Da waren wir ganz schön erschrocken.« Felicitas Wadenpohl musste lernen, mit den Folgen der Erkrankung zu leben. Er hatte Wahnvorstellungen, wurde schnell aggressiv. 2017 musste Felicitas Wadenpohl für drei Tage ins Krankenhaus. Als sie wieder zurückkam, erkannte er sie nicht mehr. »Beim Waffelessen hat er mir haargenau die Lebensgeschichte von seiner Frau Lizzi erzählt, also meine. Und später hat er zu mir gesagt: ›Das war aber schön, dich näher kennengelernt zu haben.‹ Das ist ganz traurig. Dann hat er mich einfach nicht mehr erkannt. Da war nichts zu machen«, erzählt die 81-Jährige schluckend.

ER MUSS INS HEIM

Nach einem weiteren Schlaganfall 2017 eröffnet ihr der Arzt im Krankenhaus, dass ihr Mann ins Heim muss: »Das war so ein Schlag. Ich hatte danach einen Nervenzusammenbruch. « In derselben Nacht verlässt ihr Mann heimlich das Krankenhaus und findet trotz seiner Demenz den Weg nach Hause. Doch Bruno kann sich aus früheren Zeiten noch gut an den Weg vom Krankenhaus nach Hause erinnern, weil sich wenig verändert hat. Am nächsten Tag kommt er zunächst für vier Wochen in die Psychiatrie. »Da hat er sich gar nicht wohlgefühlt «, sagt Felicitas Wadenpohl, die 18 Jahre in der Behindertenhilfe gearbeitet hat. In der Psychiatrie, so berichtet sie, muss sie in Gegenwart ihres Mannes entscheiden, ob er ins Heim kommt. »Das war für mich das Schlimmste.«

Die Kinder legen ihr diesen Schritt nahe. Andernfalls, so fürchten sie, gehe ihre Mutter an der riesigen Herausforderung zugrunde: 24 Stunden am Tag im Einsatz in allen herausfordernden Lagen. Und zum Schlafen ließ ihr Mann seine Frau nicht mehr ins Ehebett. »Das waren immer Kämpfe.« Er habe sie wie eine Hausangestellte angeguckt. »Abends sagte er: ›Jetzt wird es Zeit, dass du nach Hause gehst‹, und hat den Fernseher ausgemacht.« Es war schwierig, mit ihm zu diskutieren, da er auch aggressiv wurde. Er verlor auch die Orientierung in der Wohnung. »Da hatte ich das erste Mal so richtig Angst gehabt, dass mir was passieren könnte, wenn das so weitergeht.«

Da ihr Mann immer sehr gerne draußen im Garten war, empfahl ihr der Sozialdienst der Klinik das Haus Ahorn im Dorotheenviertel Hilden. Nach einer Besichtigung entscheidet sich die Familie für die gerontopsychiatrische Facheinrichtung der Graf Recke Stiftung. »Da war er ganz anders, ich weiß nicht, warum«, berichtet Felicitas Wadenpohl. Er habe dort nicht mehr aggressiv geschrien. Als er im November das Haus Ahorn zum ersten Mal betrat, habe er gesagt: »Boah, ist das groß!«. »Das war für ihn ganz toll, weil in der Klinik alles so eng war«, erzählt sie.

FREIHEIT TROTZ ZAUN

Bruno Wadenpohl kommt recht schnell und gut an seinem neuen Lebensort, dem Haus Ahorn, an. Er habe sich sehr wohlgefühlt, sagt Felicitas Wadenpohl. Doch eins sei dabei entscheidend gewesen: »Es war diese Freiheit, die die haben. Sie werden nicht gegängelt, da geht keiner hinterher und sagt: ›Du musst jetzt wieder reinkommen.‹ Die können raus, es ist nichts abgeschlossen. Es gibt zwar außen rum den hohen Zaun, aber das stört die gar nicht.« Wichtig sei es, dass ihr Mann raus und laufen konnte. »Für meinen Mann war es goldrichtig, dass er dort war. Das Personal war so super, da konntest du hinkommen, wann du wolltest. Die sind mit den Leuten ruhig, nett und fürsorglich umgegangen und haben immer darauf geachtet, dass die Leute zwischendurch was getrunken haben«, erinnert sich Felicitas Wadenpohl. »Ich bin so glücklich, dass mein Mann da war.«

Und auch als ihr Mann inkontinent wurde, war das kein Problem. »Mir ist so viel erspart worden. Das hat mir ganz, ganz viel erleichtert.« Für sie sei klar: »Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn er zu Hause geblieben wäre. Ich ging wirklich auf dem Zahnfleisch, man merkt das erst hinterher.« Ihr Mann habe sich sehr gefreut, wenn sie ihn besuchen kam. Aber meist verlor er nach einer Stunde das Interesse und ging wieder seiner Wege im Außengelände. »Andererseits haben wir immer Händchen gehalten, Küsschen gegeben; das war die Zeit, in der ich gemerkt habe: Eine Bindung ist trotzdem da. Das alte Vertrauen und das, was man so als Ehepaar miteinander hat, das ist trotzdem immer geblieben.« Auch wenn er sie nicht mehr erkannt habe, sei er immer ihr Mann geblieben.

Felicitas Wadenpohl ist heute noch dankbar, dass die Mitarbeitenden im Haus Ahorn ihr viel abgenommen haben. Bruno Wadenpohl baute innerhalb weniger Monate stark ab. »Zum Schluss hat er anderthalb Wochen im Bett gelegen. Er hat trotzdem nirgends eine Druckstelle gehabt. Das sind so Sachen, die ich sehr anerkenne«, sagt Felicitas Wadenpohl. Im April 2018 verstirbt Bruno Wadenpohl. Statt Blumen bittet sie Angehörige und Freunde um eine Spende zugunsten der Graf Recke Stiftung. »Dass wir bei Ihnen einen Platz gefunden haben, an dem sich mein Mann wohlfühlte, erfüllt mich und meine Kinder mit viel Trost«, schrieb sie damals.

MAL ZUR RUHE KOMMEN

Heute, knapp anderthalb Jahre später, sagt sie, sie sei nicht mehr so hektisch und unter Strom. Die Krankheit ihres Mannes und die Sorge um ihn haben sie sehr aufgerieben. Sie erinnert sich daran, wie ihr Mann eines Tages beim Verabschieden im Haus Ahorn zu ihr sagte: »Du solltest mal zur Ruhe kommen!«

Langsam erholt Felicitas Wadenpohl sich von dem Schatten, den die schwere Demenz auf ihre Ehe warf, und den Erlebnissen der letzten Jahre, auch wenn immer wieder Gefühle wie Trauer hochkommen. Die 81-Jährige achtet inzwischen wieder mehr auf sich. So geht sie etwa zum Bingo- Spielen und fährt zusammen mit anderen Senioren in den Urlaub oder geht zum … Felicitas Wadenpohl muss kurz überlegen, bevor sie sagt: »… zum Gedächtnistraining.« Und dann muss sie selbst laut über die Situation lachen: »Ich muss jedes Mal überlegen, ob es Gehirntraining, Gedächtnistraining oder Gehirnjogging heißt!«

Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht in der recke:in 3/2019.