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»Mit meiner Karin stimmt etwas nicht!«

Von Achim Graf

Sie lebten mehr als fünf Jahrzehnte zusammen, erkundeten auf gemeinsamen Reisen die Welt. Doch dann entwickelte sich bei der Frau von Helmut Bartsch eine schwere Demenz. Es ging alles sehr schnell. Seit Anfang 2018 lebt die Hildenerin nun im Haus Ahorn (künftiges Ahorn-Karree). Für ihren Mann ist das ein großes Glück – und ein Drama zugleich. Er weiß seine Karin in besten Händen, aber wäre doch noch so gern mit ihr nach Australien geflogen.

Helmut Bartsch

Mehr als fünf Jahrzehnte lang gingen Karin und Helmut Bartsch zusammen durch dick und dünn, wie man so sagt. Sie feierten berufliche Erfolge gemeinsam und stützten sich gegenseitig, wenn es Nackenschläge gab; sie gaben sich gegenseitig Vertrauen und Zuversicht. Vor allem aber haben sie zu zweit die Welt erkundet, »dafür haben wir gelebt«, sagt Helmut Bartsch. Seit rund eineinhalb Jahren allerdings ist an gemeinsame Reisen nicht mehr zu denken. Es gibt Tage, da erkennt Karin ihren Mann nicht einmal mehr. Die 79-Jährige hat eine schwere Form der Demenz, es kam ganz plötzlich – und ihr Mann versucht irgendwie damit klarzukommen.

52 GEMEINSAME JAHRE

Dass seine Frau jetzt im Haus Ahorn der Graf Recke Stiftung im Dorotheenviertel Hilden im geschlossenen Bereich lebt, das ist für Helmut Bartsch ein großes Glück – und ein gewaltiges Drama. Es stimmt eben beides. »Ich weiß, dass sie hier in wirklich guten Händen ist«, zeigt sich der 79-Jährige dankbar. Das habe er vom ersten Tag an gespürt. Dass sie nun nicht mehr als Paar zusammenleben, das allerdings macht ihm noch immer sehr zu schaffen. 52 Jahre haben die beiden zusammen verbracht, goldene Hochzeit gefeiert, doch kurz darauf hat sich der Alltag des Ehepaars dramatisch verändert.

Bis Anfang 2017 ging das Leben im Hause Bartsch seinen geregelten Gang, man genoss im Hildener Norden den gemeinsamen Ruhestand. Er war zuvor lange Prokurist bei einer Firma für Lautsprecher, sie hatte als Lohnbuchhalterin und später im Hotelgewerbe gearbeitet. Nun aber hatte das Paar, das kinderlos geblieben ist, Zeit für eine große Leidenschaft: das Reisen. »Dafür haben wir fast unser ganzes Geld ausgegeben«, gesteht Helmut Bartsch mit einem Lachen. Die beiden waren in New York, in Mexiko und auf Bali. Australien wäre noch ein großer Traum von beiden gewesen – er sollte unerfüllt bleiben.

Denn im Laufe des Jahres stellte Helmut Bartsch fest: »Mit meiner Karin stimmt etwas nicht.« Sie habe plötzlich den Weg nach Hause nicht mehr gefunden, wusste auch plötzlich nicht mehr, wo was im Haushalt steht. Auf der letzten gemeinsamen Reise, einer Kreuzfahrt, »wusste sie plötzlich nicht mehr, dass sie sich auf einem Schiff befindet«, erinnert er sich. Er habe das anfänglich nicht wirklich wahrhaben wollen, räumt er ein. »Ich habe es einfach aufs Alter geschoben, da vergisst man schon mal was.« Doch eines Nachts wurde er wach, sah, dass seine Frau ihre Sachen gepackt hatte, und musste feststellen, dass sie nicht mehr ansprechbar war. »Ich kam nicht mehr zu ihr durch.«

SEINE FRAU ERKENNT IHN NICHT IMMER

Danach ging alles ganz schnell: Bartsch rief den Notarzt, der brachte seine Frau in die nächste Klinik, aus der sie allerdings »ausgebüxt ist«, wie er sagt. »Dort konnte sie ausSicherheitsgründen nicht bleiben.« Nach einem kurzen Aufenthalt in der LVR-Klinik in Langenfeld, in der sich der Zustand seiner Frau weiter verschlimmert hatte, kam Karin Bartsch dann ins Haus Ahorn – und lebt dort bis heute.

Helmut Bartsch kannte das Haus, seine Schwiegermutter hatte vor ihrem Tod für drei Wochen hier gelebt. »Deshalb wusste ich, meine Frau ist bei Profis«, sagt er. Über die Mitarbeitenden könne er wirklich nur das Beste sagen. Wenn man sehe, mit wie viel Liebe und Zeit sie mit allen Bewohnern umgingen, da könne man wirklich glücklich sein, so seine Erfahrung. »Ich weiß, dass Karin hier gut aufgehoben ist.« Allenfalls, dass in den eineinhalb Jahren schon mal das Personal gewechselt hat, findet er schade. »Bezugspersonen sind ja wichtig«, meint er. »Aber so ist das im Berufsleben, das wäre anderswo nicht anders.« Dass er sich nicht selbst um seine Frau kümmern könne, war von Anfang an klar, das hätten ihm alle Experten gesagt. »Ich könnte sie ja keine Minute aus den Augen lassen«, meint er.

Doch die abrupte Trennung hat dem damals 78-Jährigen schwer zugesetzt. Nach so langer gemeinsamer Zeit und im Prinzip ohne Vorwarnung für ihn. »Das war ein Schlag, ich dachte, die Welt geht unter.« Das ging sie freilich nicht, stattdessen musste der Rentner sein Leben neu ordnen, zog etwa in eine kleinere Wohnung. Zwei Mal in der Woche kommt er nun mindestens ins Haus Ahorn, häufig in Begleitung seiner Schwester. Die Treffen sind ihm wichtig, auch wenn sie jedes Mal anders verlaufen. »Mal erkennt sie uns, manchmal hält sie mich für ihren Schwager«, berichtet er. Das hänge von der Tagesform ab.

Nicht nur deshalb haben ihn die Besuche am Anfang belastet, sagt Helmut Bartsch. »Ich hatte Angst, vor allem wegen der Abschiede.« Warum sie denn nicht mit nach Hause dürfe, habe seine Frau oft gefragt. Das habe ihm sehr wehgetan. Doch es gebe auch die anderen Momente – und diese werden häufiger. »Dann sagt sie, wie schön wir hier doch wohnen – und meint mich mit«, erzählt er und muss lächeln. Dann sei er wieder sicher, dass seine Frau glücklich sei »und sich wohlfühlt im Haus Ahorn«.

Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht in der recke:in 3/2019.